Auf jeder Flasche steht es, in jeder Werbung wird es beschworen: "ursprüngliche Reinheit". Mineralwasser soll das reinste Lebensmittel sein, das es gibt - geschützt in tiefen Gesteinsschichten, unberührt von Industrie und Landwirtschaft. Doch die Realität sieht anders aus. Öko-Test findet im Juli 2025 in 21 von 53 stillen Mineralwässern Schadstoffe - darunter das krebsverdächtige Chrom(VI) und PFAS-Verbindungen, die als "Ewigkeitschemikalien" bekannt sind. Gleichzeitig unterliegt Mineralwasser weniger strengen Kontrollen als das Leitungswasser aus Ihrem Hahn. Eine Recherche über ein Regulierungsversagen, das seit Jahrzehnten andauert.

Die Regulierungslücke - Weniger Kontrolle als Leitungswasser

Es klingt paradox, ist aber geltendes Recht: Das Wasser, das Sie für bis zu 1,50 Euro pro Liter im Supermarkt kaufen, wird weniger streng überwacht als das Wasser, das für weniger als einen halben Cent pro Liter aus Ihrem Hahn fließt. Der Grund liegt in zwei völlig unterschiedlichen Rechtsrahmen.

Leitungswasser unterliegt der Trinkwasserverordnung (TrinkwV 2023). Diese schreibt über 30 chemische Parameter vor, die regelmäßig überprüft werden müssen. Wasserversorger sind verpflichtet, bis zu viermal jährlich umfassende Laboranalysen durchzuführen und die Ergebnisse öffentlich zugänglich zu machen. Seit der Novellierung 2023 umfasst die TrinkwV erstmals auch PFAS-Grenzwerte - ein Meilenstein, der über ein Jahrzehnt lang von Umweltverbänden gefordert wurde.

Mineralwasser hingegen fällt unter die Mineral- und Tafelwasserverordnung (MTVO). Diese stammt in ihren Grundzügen aus dem Jahr 1984 und wurde seither nur punktuell angepasst. Sie schreibt lediglich 17 chemische Parameter vor. Regelmäßige Pflichtkontrollen wie bei der TrinkwV gibt es nicht - die Überprüfung erfolgt bei der amtlichen Anerkennung der Quelle und danach nur stichprobenartig durch die Lebensmittelüberwachung der Länder.

Regulierung im Vergleich: Mineralwasser vs. Leitungswasser

Die MTVO regelt für Mineralwasser nur 17 chemische Parameter. Die TrinkwV schreibt für Leitungswasser über 30 vor - plus regelmäßige Kontrollen. Für Pestizide im Mineralwasser existiert kein verbindlicher Grenzwert, sondern nur ein Orientierungswert von 0,05 Mikrogramm pro Liter. Im Leitungswasser gilt ein verbindlicher Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Einzelstoffe. Der Branchenverband VDM (Verband Deutscher Mineralbrunnen) argumentiert, dass die "ursprüngliche Reinheit" der Quellen strengere Kontrollen überflüssig mache. Die Testergebnisse erzählen eine andere Geschichte.

Kriterium Mineralwasser (MTVO) Leitungswasser (TrinkwV 2023)
Chemische Parameter 17 Über 30
Pestizid-Grenzwert Kein verbindlicher Grenzwert (Orientierungswert 0,05 µg/L) 0,1 µg/L Einzelstoff, 0,5 µg/L Summe
PFAS-Grenzwert Keiner 100 ng/L (PFAS-20, seit 01/2026)
Kontrollen Bei Anerkennung + stichprobenartig Bis zu 4x jährlich
Transparenzpflicht Keine öffentliche Berichtspflicht Ergebnisse müssen veröffentlicht werden
Preis pro Liter 0,13 - 1,50 Euro Ca. 0,002 Euro

Dieses Regulierungsgefälle ist kein Zufall. Die Mineralwasserbranche hat über Jahrzehnte erfolgreich Lobby-Arbeit geleistet, um den Sonderstatus ihres Produkts zu erhalten. Der Kern des Arguments: Mineralwasser sei ein Naturprodukt aus geschützten Quellen und benötigt deshalb keine Aufbereitung und keine strengen Grenzwerte. Doch genau dieses Argument wird durch die jüngsten Testergebnisse zunehmend entkräftet.

Ein besonders heikler Punkt ist die Frage der Überwachungsfrequenz. Während ein kommunaler Wasserversorger je nach Versorgungsgebiet mehrmals jährlich umfangreiche Analysen vorlegen muss, findet die Überprüfung von Mineralwasserquellen primär bei der Erstankerkennung statt. Die anschließenden Kontrollen durch die Lebensmittelüberwachung der Bundesländer sind stichprobenartig und uneinheitlich - es gibt kein bundesweit einheitliches Kontrollregime. Ein Mineralbrunnen in Bayern wird möglicherweise anders und in anderem Turnus kontrolliert als einer in Niedersachsen. Foodwatch kritisiert diesen Zustand seit Jahren als "föderalen Flickenteppich", der systematische Lücken in der Überwachung ermöglicht.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die amtliche Anerkennung einer Mineralwasserquelle ist de facto unbefristet. Selbst wenn sich die hydrogeologischen Verhältnisse ändern - etwa durch neue landwirtschaftliche Nutzung im Einzugsgebiet, durch Straßenbauprojekte oder durch veränderte Grundwasserströme infolge des Klimawandels - bleibt die Anerkennung bestehen, solange die 17 Parameter der MTVO eingehalten werden. Es gibt kein vorgeschriebenes Verfahren zur regelmäßigen Neubewertung des Quellschutzes.

Was Öko-Test in 53 stillen Wässern gefunden hat (2025)

Im Juli 2025 veröffentlichte Öko-Test die bislang umfangreichste Untersuchung stiller Mineralwässer: 53 Produkte, darunter bekannte Marken wie Gerolsteiner, Volvic, Vittel und zahlreiche Discounter-Wässer. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Nur 12 von 53 Produkten erhielten die Bestnote "sehr gut". 21 Produkte - also rund 40 Prozent - fielen durch Schadstoffbelastungen auf. Besonders problematisch: Chrom(VI), auch bekannt als sechswertiges Chrom, wurde in 11 Produkten nachgewiesen. Dieser Stoff ist als krebserregend eingestuft und gelangt über natürliche Gesteinsauswaschungen oder industrielle Altlasten ins Grundwasser.

Laut Öko-Test (07/2025) war zudem TFA (Trifluoressigsäure) - das häufigste Abbauprodukt von PFAS-Verbindungen - in nahezu allen Proben nachweisbar. Einzelne Produkte wiesen darüber hinaus erhöhte Uranwerte auf, ein Schwermetall, das bei chronischer Aufnahme nierenschädigend wirkt.

Verschiedene Mineralwasserflaschen im Supermarktregal, Nahaufnahme der Etiketten mit Reinheitsversprechen
Bewertung Anzahl Produkte Anteil Wichtigste Befunde
Sehr gut 12 23 % Keine kritischen Rückstände
Gut 11 21 % Minimale Spuren, unterhalb aller Orientierungswerte
Befriedigend 9 17 % Leichte Belastungen, etwa mit Bor oder Vanadium
Ausreichend bis Mangelhaft 21 40 % Chrom(VI), Uran, erhöhte TFA-Werte, Keimbelastungen

Ein zentrales Problem: Die MTVO kennt für Chrom(VI) keinen eigenen Grenzwert. Es gibt lediglich einen Gesamtchrom-Wert von 50 Mikrogramm pro Liter, der nicht zwischen der harmlosen dreiwertigen und der krebserregenden sechswertigen Form unterscheidet. In der Trinkwasserverordnung wird seit der Novellierung 2023 diskutiert, einen separaten Chrom(VI)-Grenzwert einzuführen - für Mineralwasser steht das nicht einmal auf der Agenda.

Der Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM) reagierte auf die Öko-Test-Ergebnisse mit der Stellungnahme, dass alle getesteten Produkte die gesetzlichen Vorgaben der MTVO einhalten würden. Das stimmt formal - und genau darin liegt das Problem. Wenn ein Produkt mit nachgewiesenem Chrom(VI) alle Grenzwerte einhielt, dann sind die Grenzwerte zu lax.

Besonders aufschlussreich ist die Uranbelastung, die Öko-Test in einzelnen Produkten feststellte. Uran ist ein natürlich vorkommendes radioaktives Schwermetall, das nierenschädigend wirkt. Für Trinkwasser schreibt die TrinkwV einen Grenzwert von 10 Mikrogramm pro Liter vor. Für Mineralwasser existiert in der MTVO kein eigener Urangrenzwert. Es gibt lediglich einen Orientierungswert, der von der Codex-Alimentarius-Kommission empfohlen wird. Ein Mineralwasser mit erhöhtem Urangehalt kann also legal verkauft werden, während dasselbe Wasser als Leitungswasser beanstandet würde.

Laut Öko-Test (07/2025) war auch die Kennzeichnungspraxis bei einigen Produkten problematisch. Bestimmte Wässer warben prominent mit ihrer Eignung für Säuglingsnahrung, wiesen aber gleichzeitig erhöhte Werte bei einzelnen Parametern auf. Zwar lagen diese Werte unterhalb der geltenden Grenzwerte, doch für Säuglings- und Kleinkindnahrung gelten eigentlich besonders strenge Maßstäbe. Die Diskrepanz zwischen der suggestiven Werbung und den Laborbefunden ist bemerkenswert.

Stiftung Warentest Classic-Mineralwasser (2024) - andere Produkte, andere Befunde

Im August 2024 untersuchte Stiftung Warentest 29 Classic-Mineralwässer - also kohlensäurehaltige Produkte, im Gegensatz zu den stillen Wässern bei Öko-Test. Die Ergebnisse fielen deutlich besser aus: 11 Produkte erhielten die Note "sehr gut", kritische Schadstoffbelastungen im Sinne von Chrom(VI) oder erhöhten PFAS-Werten wurden laut Stiftung Warentest (08/2024) nicht festgestellt.

Allerdings fanden die Tester bei einigen Produkten erhöhte Keimbelastungen. Coliforme Keime und erhöhte Koloniezahlen sind bei stillen Wässern grundsätzlich häufiger als bei kohlensäurehaltigen, weil die Kohlensäure das Keimwachstum hemmt. Genau deshalb sind die beiden Untersuchungen nicht direkt vergleichbar - und genau deshalb ist es wichtig, beide Ergebnisse zu kennen.

Warum die Ergebnisse sich unterscheiden

Öko-Test (07/2025) und Stiftung Warentest (08/2024) haben unterschiedliche Produktkategorien untersucht: stilles Wasser versus Classic mit Kohlensäure. Sie haben unterschiedliche Marken getestet und unterschiedliche Analyseschwerpunkte gesetzt. Öko-Test prüft besonders streng auf Schadstoffe wie Chrom(VI) und PFAS; Stiftung Warentest legt traditionell mehr Gewicht auf sensorische Qualität und mikrobiologische Befunde. Beide Ergebnisse zusammen ergeben ein realistischeres Gesamtbild als jedes für sich allein.

Ein Detail aus der Stiftung-Warentest-Untersuchung verdient besondere Aufmerksamkeit: Auch in den Classic-Wässern waren Spuren von Abbauprodukten aus der Landwirtschaft nachweisbar - wenn auch unterhalb der Orientierungswerte. Das bedeutet: Selbst tief liegende Mineralwasserquellen sind nicht vollständig von Oberflächenaktivitäten abgeschirmt. Der Mythos der absoluten geologischen Abschottung bekommt Risse.

Wichtig ist auch der zeitliche Kontext. Die Stiftung-Warentest-Untersuchung stammt aus dem August 2024, die Öko-Test-Studie aus dem Juli 2025 - knapp ein Jahr später. In dieser Zeitspanne haben die Analysemethoden Fortschritte gemacht, insbesondere bei der Empfindlichkeit der PFAS-Detektion. Es wäre voreilig, aus den besseren Ergebnissen bei Stiftung Warentest den Schluss zu ziehen, dass Classic-Wässer grundsätzlich sicherer seien. Richtig ist: Es handelt sich um unterschiedliche Produkte, unterschiedliche Zeitpunkte und zum Teil unterschiedliche Analyseschwerpunkte. Die Kohlensäure schützt vor Keimen, nicht vor Chemikalien.

PFAS - Die unsichtbare Kontamination

Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, besser bekannt als PFAS oder "Ewigkeitschemikalien", sind das drängendste Problem der Trinkwasserhygiene im 21. Jahrhundert. Sie sind extrem stabil, reichern sich in der Umwelt und im menschlichen Körper an und stehen im Verdacht, Krebs, Schilddrüsenerkrankungen und Immunschwäche zu verursachen. Und sie sind auch im Mineralwasser angekommen.

Laut Öko-Test (07/2025) war TFA (Trifluoressigsäure) - das häufigste PFAS-Abbauprodukt - in nahezu allen getesteten stillen Mineralwässern nachweisbar. Die Konzentrationen variieren erheblich: Das Wasser von Gerolsteiner wies laut Öko-Test 92 Nanogramm pro Liter TFA auf. Bei Spreequell wurden laut Öko-Test bis zu 200 Nanogramm pro Liter gemessen. Zum Vergleich: Die EU plant für Trinkwasser einen PFAS-Gesamtgrenzwert von 500 ng/L - für Mineralwasser ist kein vergleichbarer Grenzwert vorgesehen.

Was diese Zahlen für den Alltag bedeuten: Wer täglich zwei Liter Mineralwasser mit 200 ng/L TFA trinkt, nimmt pro Jahr rund 146 Mikrogramm dieser persistenten Chemikalie auf - eine Substanz, die der Körper kaum abbaut und die sich im Blutplasma anreichert. Ob diese Mengen gesundheitlich relevant sind, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2020 die tolerierbare wöchentliche Aufnahme für PFAS drastisch gesenkt - um den Faktor 1.750 gegenüber der vorherigen Einschätzung. Das zeigt, wie sich die wissenschaftliche Risikobewertung verändert hat und warum Vorsicht angebracht ist.

PFAS im Mineralwasser: kein Grenzwert in Sicht

Für Trinkwasser gilt seit Januar 2026 ein PFAS-Grenzwert von 100 ng/L (PFAS-20-Summe) gemäß der novellierten TrinkwV. Für Mineralwasser existiert kein verbindlicher PFAS-Grenzwert - und es ist derzeit auch keiner geplant. TFA, das am häufigsten nachgewiesene PFAS-Abbauprodukt, ist nicht einmal in der PFAS-20-Liste des Trinkwasserrechts enthalten. Das bedeutet: Ein Mineralwasser kann hohe TFA-Werte aufweisen und trotzdem als "ursprünglich rein" vermarktet werden. Mehr Hintergrundinformationen zu PFAS und Filtrationstechniken finden Sie in unserem Ratgeber zu Osmoseanlagen und PFAS.

Woher stammt das TFA im Mineralwasser? Die Hauptquelle sind Pestizide aus der Landwirtschaft, insbesondere Pflanzenschutzmittel auf Basis von Fluorverbindungen. Diese werden auf den Feldern ausgebracht, bauen sich im Boden zu TFA ab und versickern über Jahrzehnte ins Grundwasser - und damit auch in die Quellhorizonte, aus denen Mineralwasser gewonnen wird. Ein zweiter Eintragspfad sind industrielle PFAS-Emissionen und fluorierte Kühlmittel, die ebenfalls TFA als Abbauprodukt freisetzen.

Das Tückische an TFA: Die Substanz ist extrem klein (nur zwei Kohlenstoffatome), extrem wasserlöslich und extrem persistent. Sie wird von natürlichen Filterprozessen im Boden kaum zurückgehalten und durchdringt Gesteinsschichten, die größere Schadstoffe zuverlässig herausfiltern. Genau jene geologische Filtration, auf die sich das Konzept der "ursprünglichen Reinheit" stützt, versagt bei TFA. Das Molekül ist gewissermaßen der blinde Fleck der Mineralwasserregulierung - zu klein für natürliche Filter, zu neu für eine Verordnung aus den 1980er Jahren, und zu weit verbreitet, um ignoriert zu werden.

Die Mineralwasserbranche steht vor einem Dilemma: Sie kann das TFA nicht herausfiltern, ohne gegen das eigene Reinheitsgebot zu verstoßen. Denn die MTVO verbietet jede Aufbereitung von Mineralwasser, die über das Entfernen von Eisen, Mangan und Schwefel hinausgeht. Eine Aktivkohlefiltration oder Umkehrosmose - die einzigen Verfahren, die TFA zuverlässig entfernen könnten - würden dem Produkt seinen rechtlichen Status als "natürliches Mineralwasser" entziehen. Die Konsequenz: Die Branche muss die Kontamination hinnehmen und gleichzeitig das Reinheitsversprechen aufrechterhalten.

Nanoplastik - 240.000 Partikel pro Liter

Als wäre die chemische Belastung nicht genug, kam im Januar 2024 eine Studie hinzu, die das Bild weiter veränderte. Forscher der Columbia University veröffentlichten im Fachjournal PNAS eine Untersuchung, die erstmals Nanoplastik in Flaschenwasser quantifizierte - also Plastikpartikel, die kleiner als ein Mikrometer sind und damit in Zellen eindringen können.

Das Ergebnis laut der Studie (Qian et al., PNAS, 2024): Durchschnittlich rund 240.000 Nanoplastik-Partikel pro Liter in handelsüblichem Flaschenwasser. Das ist 10- bis 100-mal mehr, als bisherige Studien geschätzt hatten, die nur größere Mikroplastik-Partikel erfassen konnten. Die Forscher identifizierten sieben gängige Kunststofftypen, wobei PET - das Material, aus dem die meisten Wasserflaschen bestehen - und Polyamid als häufigste Quellen ausgemacht wurden.

Die Partikel stammen laut den Forschern primär aus der Flasche selbst und aus dem Abfüllprozess. Jedes Öffnen und Schließen der Flasche, jede Temperaturschwankung bei Transport und Lagerung kann dazu führen, dass sich Nanopartikel vom PET-Material lösen. Glasflaschen zeigten in der Studie signifikant geringere Nanoplastik-Werte.

Besonders kritisch ist die Lagerung: PET-Flaschen, die im Sommer im Auto liegen oder in der Sonne stehen, setzen deutlich mehr Partikel frei als kühl gelagerte Flaschen. Auch Mehrweg-PET-Flaschen, die bis zu 25 Befüllungszyklen durchlaufen, können durch mechanischen Abrieb und thermische Belastung beim Reinigungsprozess zusätzliche Partikel freisetzen. Die Mineralwasserbranche verweist darauf, dass PET als Verpackungsmaterial seit Jahrzehnten als lebensmittelsicher zugelassen ist - was stimmt, aber auf Prüfverfahren beruht, die Nanoplastik nicht erfassen konnten. Die Studie der Columbia University war die erste, die mit einer neuartigen Laser-Spektroskopie-Methode (SRS-Mikroskopie) Partikel in dieser Größenordnung sichtbar machen konnte.

Nanoplastik: Was wir wissen und was nicht

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Nanoplastik auf den menschlichen Körper sind noch nicht abschließend erforscht. Laborstudien zeigen, dass die winzigen Partikel Zellmembranen durchdringen, Entzündungsreaktionen auslösen und sich in Organen anreichern können. Langzeitstudien am Menschen fehlen noch. Die WHO betont, dass auf Basis der aktuellen Datenlage "kein konkretes Gesundheitsrisiko" belegt sei - räumt aber ein, dass dringend mehr Forschung nötig ist. Der Vorsorgegrundsatz spricht dafür, die Exposition zu minimieren: Glasflaschen verwenden, Wasser nicht in PET-Flaschen in der Sonne oder im Auto lagern, und wenn möglich auf Leitungswasser umsteigen.

Nahaufnahme einer PET-Wasserflasche mit Kondenswasser, natürliches Licht fällt auf das Etikett

Was "ursprüngliche Reinheit" wirklich bedeutet

Der Begriff "ursprüngliche Reinheit" ist das zentrale Qualitätsversprechen der Mineralwasserbranche. Er steht auf dem Etikett, in den Werbekampagnen und im Gesetzestext der MTVO. Doch was bedeutet er rechtlich? Die Antwort ist erstaunlich vage.

Die MTVO definiert natürliches Mineralwasser als Wasser, das "seinen Ursprung in einem unterirdischen, vor jeder Verunreinigung geschützten Wasservorkommen hat" und dessen "ursprüngliche Reinheit" erhalten geblieben ist. Eine quantifizierte Definition - also ein konkreter Wert, ab dem Wasser nicht mehr als "rein" gilt - existiert nicht. Es gibt keinen Grenzwert für "Reinheit".

In der Praxis bedeutet das: Solange ein Mineralwasser die 17 Parameter der MTVO einhielt und bei der amtlichen Anerkennung als frei von Verunreinigungen eingestuft wurde, darf es als "ursprünglich rein" vermarktet werden - auch wenn später PFAS, Pestizid-Metaboliten oder Chrom(VI) nachgewiesen werden. Die Anerkennung einer Quelle wird nicht automatisch widerrufen, wenn sich die Kontaminationslage ändert.

Juristen und Verbraucherschützer kritisieren diesen Zustand seit Jahren. Der vzbv (Verbraucherzentrale Bundesverband) hat wiederholt gefordert, den Begriff "ursprüngliche Reinheit" entweder rechtlich zu definieren oder seine Verwendung in der Werbung einzuschränken. Bislang ohne Erfolg. Die EU-Richtlinie 2009/54/EG, die den Rahmen für natürliches Mineralwasser vorgibt, übernimmt den Begriff ebenfalls ohne quantifizierte Definition.

Das Ergebnis ist ein Vertrauensvorschuss, den die Branche nicht mehr verdient. Wenn in 40 Prozent der getesteten stillen Mineralwässer Schadstoffe nachweisbar sind, wenn TFA in nahezu allen Proben auftaucht und wenn die Regulierung jahrzehntelang hinter der Trinkwasserverordnung zurückbleibt, dann ist "ursprüngliche Reinheit" kein Qualitätsmerkmal mehr - sondern ein Marketingbegriff.

Besonders pikant: In Deutschland existieren laut VDM über 500 amtlich anerkannte Mineralwasserquellen. Einige dieser Anerkennungen gehen auf die 1960er und 1970er Jahre zurück - also auf eine Zeit, in der PFAS in der breiten Öffentlichkeit völlig unbekannt waren und die industrielle Landwirtschaft erst begann, großflächig synthetische Pestizide einzusetzen. Dass die damalige Einschätzung der "ursprünglichen Reinheit" auch heute noch gelten soll, ist angesichts der veränderten Belastungssituation ein Anachronismus.

Preis, Qualität und Marketing-Tricks

Mineralwasser ist ein Produkt, bei dem der Zusammenhang zwischen Preis und Qualität praktisch nicht existiert. Teure Markenwässer schneiden in Tests nicht systematisch besser ab als günstige Discounter-Produkte. Im Gegenteil: Einige der bestbewerteten Wässer bei Öko-Test (07/2025) waren Eigenmarken von Aldi, Lidl und anderen Discountern.

Was den Preis bestimmt, ist nicht die Wasserqualität, sondern das Marketing. Marken wie Volvic, Evian oder Fiji investieren Millionen in Werbekampagnen, die alpine Reinheit, vulkanische Filtration oder tropische Unberührtheit suggerieren. Diese Bilder haben mit der tatsächlichen Schadstoffbelastung des Produkts nichts zu tun.

Preissegment Typische Marken Preis pro Liter Qualität laut Tests
Premium (Importware) Fiji, Voss, San Pellegrino (still) 1,00 - 3,00 Euro Keine systematisch besseren Ergebnisse
Marke (national) Gerolsteiner, Volvic, Vittel 0,40 - 0,80 Euro Gemischt; Gerolsteiner mit 92 ng/L TFA laut Öko-Test
Discounter-Eigenmarke Aldi (Quellbrunn), Lidl (Saskia) 0,13 - 0,25 Euro Mehrfach "sehr gut" bei Öko-Test
Leitungswasser Kommunale Versorger Ca. 0,002 Euro Strengste Kontrollen, beste Transparenz

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Marketing-Strategien der Branche. Begriffe wie "aus tiefen Quellen", "natürlich gefiltert" oder "mineralstoffreich" sind rechtlich kaum geschützt und sagen nichts über die Schadstoffbelastung aus. Ein Wasser kann "mineralstoffreich" sein und gleichzeitig erhöhte Chrom(VI)-Werte aufweisen - denn Chrom ist ein natürlich vorkommendes Mineral.

Auch der Hinweis "natriumarm" oder "geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung" suggeriert eine besondere Reinheit, die nicht immer gegeben ist. Laut Öko-Test (07/2025) wiesen einige der als säuglingsgeeignet beworbenen Wässer erhöhte Schadstoffwerte auf. Hier wird das Marketing-Versprechen zum Vertrauensbruch.

Ein weiterer Marketing-Trick ist die Betonung des Mineralstoffgehalts. Viele Verbraucher glauben, Mineralwasser decke einen nennenswerten Teil ihres täglichen Mineralstoffbedarfs. Die Realität: Ein Liter Mineralwasser enthält im Durchschnitt zwischen 200 und 500 Milligramm gelöste Mineralstoffe. Um den täglichen Calciumbedarf von 1.000 Milligramm allein über Mineralwasser zu decken, müssten Sie je nach Marke zwischen 3 und 10 Liter pro Tag trinken. Ein Stück Emmentaler (30 Gramm) liefert mehr Calcium als ein Liter der meisten Mineralwässer. Der Mineralstoffgehalt ist also ein nettes Beiwerk, aber kein seriöser Grund, Mineralwasser gegenüber Leitungswasser vorzuziehen.

Auch bei den sogenannten "Heilwässern" ist Vorsicht geboten. Diese unterliegen dem Arzneimittelgesetz und müssen eine therapeutische Wirksamkeit nachweisen. Allerdings sind die Anforderungen dafür historisch niedrig - viele Zulassungen basieren auf Studien aus den 1950er und 1960er Jahren, die heutigen wissenschaftlichen Standards nicht genügen würden. Eine Neubewertung findet in der Regel nicht statt.

Praktischer Tipp: Qualität vor Marke

Orientieren Sie sich bei der Mineralwasserwahl nicht am Preis oder an der Marke, sondern an den aktuellen Testergebnissen von Öko-Test und Stiftung Warentest. Günstige Discounter-Wässer schneiden regelmäßig gut ab. Prüfen Sie außerdem das Etikett auf die Quellangabe und recherchieren Sie, ob für diese Quelle öffentlich zugängliche Analysedaten vorliegen. Einige Mineralbrunnen veröffentlichen ihre Analyseergebnisse freiwillig - das ist ein gutes Zeichen für Transparenz.

Ihre Rechte als Verbraucher

Was können Sie tun, wenn Sie feststellen, dass Ihr Mineralwasser Schadstoffe enthält? Die Rechtslage ist komplizierter, als sie sein müsste.

Informationsrecht: Jeder Verbraucher hat das Recht, beim Mineralbrunnen die aktuellen Analyseberichte anzufordern. Die meisten Unternehmen sind rechtlich nicht zur proaktiven Veröffentlichung verpflichtet, müssen aber auf Anfrage Auskunft geben. Nutzen Sie dieses Recht - ein seriöses Unternehmen wird Ihnen die Daten ohne Umschweife zur Verfügung stellen.

Irreführende Werbung: Wenn ein Mineralwasser mit "Reinheit" oder "Natürlichkeit" beworben wird und gleichzeitig erhöhte Schadstoffwerte aufweist, kann das eine irreführende geschäftliche Handlung nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) darstellen. Verbraucher können solche Fälle der Verbraucherzentrale oder der Wettbewerbszentrale melden, die dann Abmahnungen oder Unterlassungsklagen einleiten können.

Produkthaftung: Wenn ein Mineralwasser die Grenzwerte der MTVO überschreitet, liegt ein fehlerhaftes Produkt vor. In diesem Fall haften Hersteller und Abfüller nach dem Produkthaftungsgesetz. Da jedoch die meisten beanstandeten Produkte die bestehenden Grenzwerte einhalten - weil diese Grenzwerte zu lax sind - greift dieses Instrument nur selten.

Politische Einflussnahme: Die wirksamste Maßnahme ist langfristig politischer Druck. Unterstützen Sie Organisationen wie Foodwatch, den vzbv oder den BUND, die sich für eine Reform der Mineral- und Tafelwasserverordnung einsetzen. Die Forderungen liegen auf dem Tisch: verbindliche PFAS-Grenzwerte auch für Mineralwasser, ein separater Chrom(VI)-Grenzwert und eine Pflicht zur regelmäßigen Veröffentlichung von Analyseergebnissen.

Etikett lesen - aber richtig: Auf jedem Mineralwasser-Etikett muss die Quelle angegeben sein, einschließlich des Ortes der Gewinnung. Außerdem müssen die charakteristischen Inhaltsstoffe aufgeführt werden. Was auf dem Etikett fehlt, ist mindestens ebenso aufschlussreich: Angaben zu Schadstoffen, PFAS-Werten oder Pestizid-Metaboliten sind nicht vorgeschrieben. Wenn Sie ein Mineralwasser finden, dessen Hersteller freiwillig ausführliche Analyseergebnisse auf seiner Website veröffentlicht, ist das ein positives Signal - es zeigt, dass das Unternehmen nichts zu verbergen hat.

Häufige Fragen

Ist Leitungswasser tatsächlich besser kontrolliert als Mineralwasser?
Ja. Leitungswasser unterliegt der TrinkwV 2023 mit über 30 chemischen Parametern und bis zu viermal jährlichen Pflichtkontrollen. Mineralwasser fällt unter die MTVO mit nur 17 Parametern und ohne regelmäßige Kontrollpflicht. Seit Januar 2026 gelten für Leitungswasser zudem PFAS-Grenzwerte, die es für Mineralwasser nicht gibt.

Sollte ich komplett auf Mineralwasser verzichten?
Nicht unbedingt. Es gibt Mineralwässer, die bei Öko-Test und Stiftung Warentest sehr gut abschneiden. Entscheidend ist, dass Sie sich nicht blind auf das Reinheitsversprechen auf dem Etikett verlassen, sondern die aktuellen Testergebnisse prüfen. Deutsches Leitungswasser ist in den meisten Regionen eine hervorragende und deutlich günstigere Alternative.

Sind Glasflaschen besser als PET-Flaschen?
In Bezug auf Nanoplastik: ja. Die Studie der Columbia University (PNAS, 2024) zeigte in PET-Flaschen rund 240.000 Nanoplastik-Partikel pro Liter. Glasflaschen wiesen signifikant geringere Werte auf. Für die chemische Schadstoffbelastung (Chrom(VI), PFAS) spielt das Flaschenmaterial keine Rolle - diese Stoffe stammen aus der Quelle selbst.

Was bedeutet TFA und warum wird es nicht reguliert?
TFA (Trifluoressigsäure) ist das häufigste Abbauprodukt von PFAS-Verbindungen. Es gelangt über Pestizide, Kühlmittel und industrielle Emissionen in Boden und Grundwasser. Obwohl deutsche Behörden TFA als "sehr persistent und sehr mobil" einstufen, ist es weder in der PFAS-20-Liste der TrinkwV noch in der MTVO reguliert. Ein verbindlicher Grenzwert ist derzeit nicht geplant.

Warum darf Mineralwasser nicht gefiltert werden?
Die MTVO verbietet jede Aufbereitung von natürlichem Mineralwasser, die über das Entfernen von Eisen, Mangan und Schwefel hinausgeht. Eine Aktivkohlefiltration oder Umkehrosmose würde dem Produkt seinen Status als "natürliches Mineralwasser" entziehen. Diese Regelung stammt aus einer Zeit, als man Quellwasser für unberührt hielt. Heute verhindert sie eine wirksame Schadstoffreduzierung.

Welche Mineralwässer haben bei Öko-Test 2025 am besten abgeschnitten?
Laut Öko-Test (07/2025) erhielten 12 von 53 stillen Mineralwässern die Note "sehr gut". Darunter waren sowohl günstige Discounter-Eigenmarken als auch einige regionale Marken. Die konkreten Produktnamen finden Sie im vollständigen Öko-Test-Bericht in der Ausgabe 07/2025.

Kann ich den TFA-Gehalt meines Wassers selbst messen?
Nein. Die Analyse von TFA und anderen PFAS-Verbindungen erfordert hochspezialisierte Laborausstattung (LC-MS/MS-Massenspektrometrie). Heimtests existieren dafür nicht. Sie können aber beim Hersteller die Analysedaten erfragen oder sich an die Testergebnisse von Öko-Test und Stiftung Warentest halten.

Macht es einen Unterschied, ob ich stilles oder sprudelndes Wasser kaufe?
Für die chemische Schadstoffbelastung (PFAS, Chrom(VI)) ist kein systematischer Unterschied belegt. Kohlensäurehaltiges Wasser hat jedoch einen mikrobiologischen Vorteil: Die Kohlensäure senkt den pH-Wert und hemmt das Keimwachstum. Stilles Wasser ist daher anfälliger für bakterielle Belastungen.

Fazit der Redaktion

Die Recherche von Verbraucher.Online zeigt ein klares Bild: "Ursprüngliche Reinheit" ist ein Versprechen aus einer anderen Zeit. Ein Versprechen, das formuliert wurde, als man davon ausging, dass tiefe Gesteinsschichten eine unüberwindbare Barriere für menschengemachte Schadstoffe darstellen. Diese Annahme ist widerlegt - durch PFAS, die bis in die tiefsten Quellhorizonte vordringen, durch Chrom(VI)-Befunde in jedem fünften getesteten Produkt laut Öko-Test (07/2025), und durch 240.000 Nanoplastik-Partikel, die in jeder PET-Flasche auf Sie warten.

Das Problem ist nicht das Wasser selbst. Es ist die Regulierung, die mit der Realität nicht Schritt hält. Die Mineral- und Tafelwasserverordnung mit ihren 17 Parametern ist ein Relikt aus den 1980er Jahren. Sie war nie dafür konzipiert, mit Ewigkeitschemikalien oder Nanoplastik umzugehen. Und solange die Mineralwasserbranche erfolgreich gegen eine Verschärfung der Grenzwerte lobbyiert, wird sich daran nichts ändern.

Für Sie als Verbraucher bedeutet das konkret:

  • Leitungswasser ist die sicherere Wahl - strenger kontrolliert, transparenter und um ein Vielfaches günstiger. Wer den Geschmack verbessern oder auf Nummer sicher gehen will, kann eine Umkehrosmoseanlage installieren.
  • Wenn Mineralwasser, dann informiert. Prüfen Sie die aktuellen Testergebnisse. Der Preis sagt nichts über die Qualität aus - günstige Discounter-Wässer schneiden regelmäßig gut ab.
  • Glasflaschen bevorzugen. Sie reduzieren die Nanoplastik-Exposition erheblich, auch wenn sie die chemische Belastung nicht beeinflussen.
  • Nicht auf Marketing hereinfallen. "Aus tiefen Quellen", "natürlich gefiltert", "ursprünglich rein" - diese Begriffe klingen gut, sind aber rechtlich weitgehend ungeschützt und sagen nichts über die tatsächliche Schadstoffbelastung aus.

Mineralwasser ist nicht gefährlich. Es wird niemanden vergiften. Aber es ist auch nicht das, als was es vermarktet wird: ein besonders reines, besonders sicheres, besonders kontrolliertes Lebensmittel. Es ist Wasser - mit denselben Problemen, die unser Grundwasser hat. Nur teurer, weniger kontrolliert und in Plastik verpackt.

Was sich ändern muss, liegt auf der Hand: Die MTVO braucht eine Generalüberholung. Verbindliche PFAS-Grenzwerte, ein separater Chrom(VI)-Parameter, regelmäßige Kontrollpflichten und eine Pflicht zur Veröffentlichung der Analyseergebnisse - all das wäre machbar und längst überfällig. Bis dahin bleibt es an Ihnen, informierte Entscheidungen zu treffen. Die Daten dafür liegen vor. Nutzen Sie sie.