Die lila Tafel sieht aus wie immer. Gleiches Design, gleicher Platz im Regal. Doch seit Anfang 2025 wiegt eine Milka Alpenmilch nur noch 90 statt 100 Gramm - während der Preis von 1,49 auf 1,99 Euro stieg. Effektive Preiserhöhung: 48 Prozent. 34.731 Verbraucher wählten die Schokolade zur Mogelpackung des Jahres 2025. Die Verbraucherzentrale Hamburg klagt gegen Mondelez - Verhandlung im April 2026 vor dem Landgericht Bremen. Milka ist kein Einzelfall. Es ist System.
Die Schockbilanz: 77 Mogelpackungen in einem Jahr
Die Verbraucherzentrale Hamburg führt die einzige systematische Datenbank für Shrinkflation in Deutschland. Die Zahlen für 2025 sind alarmierend: 77 neue Produkte landeten auf der Mogelpackungsliste - 15 Prozent mehr als im Vorjahr und der zweithöchste Wert seit Beginn der Erfassung. Insgesamt dokumentiert die Liste über 1.000 Fälle. Die durchschnittliche versteckte Preiserhöhung lag 2025 bei 28,4 Prozent.
Zum Vergleich: Die offizielle Lebensmittelinflation betrug laut Destatis im selben Zeitraum rund 2 Prozent. Die Diskrepanz ist kein statistischer Zufall - sie ist das Ergebnis einer bewussten Strategie.
Die dreistesten Fälle
| Produkt | Alt | Neu | Preiserhöhung | Der Trick |
|---|---|---|---|---|
| Dr. Oetker Käse-Streusel | 730 g / 3,99 EUR | 370 g / 3,79 EUR | ~90 % | Relaunch als "Klassiker neu interpretiert" |
| Funny Frisch Erdnuss Flippies | 200 g / 1,79 EUR (2021) | 175 g / 2,29 EUR | 64 % (kumuliert) | Schrittweise über 4 Jahre |
| Ostmann Gewürze (9 Sorten) | z.B. 20 g / 3,59 EUR | 18 g / 3,99 EUR | bis 58 % | Ganzes Sortiment gleichzeitig |
| Jacobs 3in1 Classic | 180 g / 2,69 EUR | 120 g / 2,79 EUR | 56 % | Sticks von 18 g auf 12 g geschrumpft |
| Milka Alpenmilch | 100 g / 1,49 EUR | 90 g / 1,99 EUR | 48 % | Verpackung nahezu identisch |
| Valensina Orangensaft | 1 L | 700 ml | 43 % | Gleicher Preis, kleinere Flasche |
| Kölln Schoko Hafer-Müsli | 1.700 g ("Vorratspack") | 1.050 g ("XXL Pack") | 30 % | Umbenennung verschleiert Reduktion |
Besonders entlarvend ist der Fall Dr. Oetker. Die Käse-Streusel-Backmischung wog vorher 730 Gramm und ergab einen ganzen Kuchen. Die "neue" Version wiegt 370 Gramm - nicht einmal mehr die Hälfte - und ergibt einen halben Kuchen. Der Preis sank um gerade einmal 20 Cent. Dr. Oetker nennt das Ergebnis einen "neu interpretierten Klassiker". Die Rezeptur ist praktisch identisch.
Die Muster wiederholen sich. Kölln tauft den "Vorratspack" in "XXL Pack" um und streicht dabei 650 Gramm. Ostmann reduziert neun Gewürzsorten gleichzeitig im Rahmen eines "Relaunchs". Funny Frisch schrumpft die Erdnuss Flippies schrittweise über vier Jahre - von 200 auf 175 Gramm, während der Preis von 1,79 auf 2,29 Euro steigt. Die kumulierte Preiserhöhung: 64 Prozent. In kleinen Schritten fällt es weniger auf. Das ist kein Zufall, sondern Kalkül.
Die Verpackung wird dabei jeweils minimal verändert - ein neues Logo hier, ein anderer Farbton dort. Gerade genug, um den rechtlichen Tatbestand der Irreführung zu umgehen.
Skimpflation: Die unsichtbare Schwester
Noch perfider als weniger Inhalt ist schlechterer Inhalt. Bei der Skimpflation bleibt die Füllmenge gleich, aber teure Zutaten werden durch billige Füllstoffe ersetzt. Der Preis bleibt ebenfalls gleich oder steigt sogar. Diese Taktik ist für Verbraucher fast unmöglich zu erkennen, weil sie einen Vorher-Nachher-Vergleich der Zutatenliste erfordert.
Der Extremfall: Fuze Tea Pfirsich von Coca-Cola. Das alte Produkt enthielt 92 Prozent gebrühten Schwarztee und 1 Prozent Pfirsichsaft. Die neue Version enthält 0,12 Prozent löslichen Tee-Extrakt und 0,1 Prozent Pfirsichsaft. Was vorher ein Teegetränk war, ist jetzt aromatisiertes Zuckerwasser in derselben Flasche zum selben Preis. Die Zutatenliste verrät es - aber wer liest die beim Nachkauf eines vertrauten Produkts?
Die Verbraucherzentrale Hamburg dokumentiert rund 40 solcher Fälle. Die dreistesten:
| Produkt | Was sich geändert hat |
|---|---|
| Fuze Tea Pfirsich (Coca-Cola) | Schwarzteeanteil von 92 % gebrühtem Tee auf 0,12 % löslichen Extrakt. Pfirsichsaft von 1,0 % auf 0,1 %. |
| Granini Trinkgenuss Orange | 100 % Saft auf 50 % Nektar - mit Zuckerwasser aufgefüllt. Mogelpackung des Jahres 2024. |
| Knorr Zitronen-Butter-Sauce | Butteranteil von 25 % auf 10 %. Verbraucher soll 5 g Butter selbst zugeben. |
| ja! Bolognese (Rewe) | Rindfleischanteil von 20,7 % auf 16 %. |
| Netto Nuss-Nougat Creme | Haselnussanteil von 20 % auf 13 %. |
| K-Classic Ketchup (Kaufland) | Doppelt konzentriertes Tomatenmark durch einfach konzentriertes ersetzt. |
"Neue Rezeptur" ist fast immer eine schlechtere Rezeptur
Wenn ein Produkt plötzlich mit "Neue Rezeptur", "Jetzt noch besser" oder "Klassiker neu interpretiert" beworben wird, prüfen Sie die Zutatenliste. In der überwiegenden Mehrheit der von der Verbraucherzentrale Hamburg dokumentierten Fälle bedeuten solche Hinweise: weniger wertgebende Zutaten, mehr Wasser, mehr Zucker, mehr Füllstoffe.
Die Kosten-Lüge
Fragt man Mondelez, Unilever oder Nestlé nach den Gründen, lautet die Antwort reflexartig: gestiegene Kosten für Rohstoffe, Energie, Logistik. Das klang 2022 plausibel. Es ist 2026 eine Schutzbehauptung.
Die Erzeugerpreise in Deutschland fielen im September 2023 um 14,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr - der stärkste Rückgang seit 1949. Seitdem sinken sie kontinuierlich: minus 4,1 Prozent im Februar 2024, minus 1,2 Prozent im Jahresdurchschnitt 2025, minus 3,0 Prozent im Januar 2026. Die Energiepreise fielen 2025 im Jahresdurchschnitt um 6,2 Prozent. Die Kostenkrise ist vorbei. Die Preise im Supermarkt sind geblieben.
Die einzige Ausnahme: Kakao. Der Weltmarktpreis stieg von rund 2.700 Dollar pro Tonne Anfang 2023 auf über 12.500 Dollar Ende 2024 und liegt aktuell bei etwa 6.000 Dollar. Das betrifft Schokoladenhersteller real - erklärt aber nicht, warum gleichzeitig Gewürze, Müsli, Kaffeesticks und Mundspülung schrumpfen.
Die Schere: Was Hersteller zahlen vs. was Sie zahlen
Die Erzeugerpreise sinken seit Mitte 2023 kontinuierlich. Die Verbraucherpreise für Lebensmittel bleiben hoch. Der IWF bezifferte 2023: 45 Prozent der Inflation in der Eurozone gingen auf gestiegene Unternehmensgewinne zurück, nicht auf gestiegene Kosten. Die EZB kam auf eine noch höhere Zahl: 60 Prozent. Die Hans-Böckler-Stiftung stellte fest, dass die nominalen Stückgewinne Ende 2023 fast 25 Prozent über dem Niveau von 2019 lagen - vereinbar mit dem EZB-Inflationsziel wäre ein Anstieg von weniger als 8 Prozent gewesen.
Die Bilanzen der Konzerne bestätigen das Bild:
- Unilever steigerte die operative Marge von 16,7 Prozent (2023) auf 20,0 Prozent (2025) - ein Firmenrekord. Die Bruttomarge erreichte 2024 mit 45 Prozent den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt.
- Mondelez verdoppelte den Nettogewinn von 2,7 Milliarden Dollar (2022) auf 5,0 Milliarden (2023). Foodwatch entlarvte den Widerspruch: Laut eigenem Finanzbericht profitierte der Konzern im selben Zeitraum von "niedrigeren Herstellungskosten".
- Nestlé wuchs 2023 organisch um 7,2 Prozent - davon 7,5 Prozent rein über Preiserhöhungen bei negativem Volumen. Der Konzern hat also kein einziges Gramm mehr verkauft, nur teurer.
- PepsiCo musste Anfang 2026 die Preise für Lay's und Doritos um bis zu 15 Prozent senken, weil die Verkäufe einbrachen. Die CEO-Aussage dazu: "Consumers told us they're feeling the strain." Die Einsicht kam spät.
Nestlé-Sprecher zur Schrumpfung der KitKat-Riegel von 17 auf 14 Gramm: Die frühere Größe sei "möglicherweise zu groß für die Kunden" gewesen. Eine bemerkenswerte Begründung.
Was tut die Politik?
In Deutschland: nichts. Es gibt kein Gesetz gegen Shrinkflation, keinen Gesetzentwurf, nicht einmal eine zuständige Stelle. Der vzbv berichtet von einem Zuständigkeits-Pingpong: Das Umweltministerium verweist auf das Justizministerium, das auf das Wirtschaftsministerium verweist. Im Koalitionsvertrag der Regierung Merz steht eine vage Absichtserklärung: "Wir setzen uns für mehr Transparenz bei versteckten Preiserhöhungen ein." Konkreter Zeitplan: keiner.
Dabei wäre der Handlungsdruck offensichtlich. Eine repräsentative Studie der Universität Göttingen im Auftrag des vzbv ergab: 81 Prozent der Verbraucher empfinden versteckte Preiserhöhungen als Täuschung. 87 Prozent fordern einen gut sichtbaren Hinweis auf der Verpackung. Und laut einer YouGov-Erhebung bemerken 26 Prozent der Deutschen Shrinkflation überhaupt nicht - der höchste Wert im internationalen Vergleich. Die Strategie der Hersteller funktioniert also besonders gut in einem Land, das besonders wenig dagegen unternimmt.
Die Nachbarn sind weiter
| Land | Status | Kennzeichnungspflicht | Bußgeld |
|---|---|---|---|
| Österreich | Gesetz beschlossen (25.02.2026), ab 01.04.2026 | 60 Tage am Regal | Bis 15.000 EUR |
| Frankreich | Gesetz in Kraft seit 01.07.2024 | 2 Monate am Regal | Bis 15.000 EUR |
| Ungarn | Verordnung seit 01.02.2024 | Pflicht auf Regalschild | Ja |
| Deutschland | Kein Gesetz, kein Entwurf | Keine | Keine |
Eine Einschränkung: Gesetze allein lösen das Problem nicht. Eine Erhebung der französischen Verbraucherorganisation UFC-Que Choisir in 423 Geschäften ergab, dass in 95 Prozent der Supermärkte keine Shrinkflation-Kennzeichnung zu finden war - obwohl sie seit Juli 2024 Pflicht ist. Nur drei Ketten (Coopérative U, E.Leclerc und Carrefour) hielten sich überhaupt daran, und auch dort nur teilweise. Von verhängten Bußgeldern ist bislang nichts bekannt. Ohne Kontrolle und Sanktionen bleibt jedes Gesetz ein Papiertiger.
Bemerkenswert ist, was der französische Einzelhändler Carrefour 2023 auf eigene Faust tat: Er brachte Warnschilder an PepsiCo-Produkten an mit dem Hinweis "Dieses Produkt hat an Volumen abgenommen und der Preis wurde erhöht". PepsiCo zog die Produkte vorübergehend aus dem Regal. Die öffentliche Empörung zwang den Konzern, sie zurückzubringen - zu niedrigeren Preisen.
Hoffnung aus dem Gerichtssaal
Wirksamer als die Politik sind bislang die Gerichte. Im Sanella-Urteil entschied das Landgericht Hamburg erstmals in Deutschland: Der Vertrieb einer geschrumpften Packung ohne deutlich sichtbaren Hinweis auf die geänderte Füllmenge ist irreführend im Sinne des UWG - mindestens für einen Zeitraum von drei Monaten nach der Umstellung. Upfield (Sanella, Rama, Lätta, Becel) hatte die Packungen von 500 auf 400 Gramm reduziert, bei identischer Verpackung und gleichem Preis.
Die nächste Runde: Im April 2026 verhandelt das Landgericht Bremen die Klage der Verbraucherzentrale Hamburg gegen Mondelez wegen der Milka-Schrumpfung. Ein Urteil könnte die Rechtslage weiter schärfen.
So wehren Sie sich
Fünf Maßnahmen gegen Mogelpackungen
- Grundpreis vergleichen. Seit 2022 muss der Grundpreis einheitlich pro Kilogramm oder Liter angegeben werden (Preisangabenverordnung). Er ist die einzige verlässliche Größe. Wenn der Grundpreis steigt, obwohl der Regalpreis gleich bleibt, hat der Hersteller die Menge reduziert.
- Mogelpackungsliste prüfen. Die Verbraucherzentrale Hamburg pflegt eine durchsuchbare Datenbank mit über 1.000 Einträgen: vzhh.de/mogelpackungsliste
- Fälle melden. Auf lebensmittelklarheit.de können Sie Mogelpackungen melden. In rund 40 Prozent der Fälle führen Beschwerden zu einer Verpackungsänderung. Die Verbraucherzentrale Hamburg bietet zusätzlich einen Musterbrief für direkte Beschwerden beim Hersteller.
- Warnsignale erkennen. "Neue Rezeptur", "Jetzt noch besser", "Klassiker neu interpretiert" - diese Aufdrucke tarnen in den meisten Fällen weniger oder schlechtere Zutaten. Prüfen Sie Zutatenliste und Füllmenge.
- Handelsmarken nutzen. Laut einer NIQ-Studie mit 17.000 Befragten kosten Markenprodukte in Deutschland im Schnitt 51 Prozent mehr als Handelsmarken. Die Qualität ist laut Stiftung Warentest in vielen Kategorien gleichwertig oder besser.
Eine dedizierte Shrinkflation-App für den deutschen Markt existiert nicht. Die Preisvergleichs-App smhaggle (kostenlos, iOS und Android) zeigt Preisentwicklungen und den günstigsten Supermarkt in der Nähe - eine indirekte Hilfe.
Häufige Fragen
Was genau ist Shrinkflation?
Eine versteckte Preiserhöhung: Der Hersteller reduziert die Füllmenge, der Preis bleibt gleich oder steigt. Die Verpackung ändert sich kaum. Sichtbar wird der Trick nur über den Grundpreis (Preis pro Kilogramm oder Liter).
Was ist Skimpflation?
Die Qualität sinkt statt der Menge. Teure Zutaten werden durch billige ersetzt - etwa echter Saft durch Nektar, Butter durch Pflanzenfett, gebrühter Tee durch löslichen Extrakt. Preis und Füllmenge bleiben oft gleich.
Ist Shrinkflation in Deutschland legal?
Grundsätzlich ja. Hersteller dürfen Füllmengen ändern. Verboten ist es nur, wenn die Verpackung aktiv einen größeren Inhalt vortäuscht. Das Sanella-Urteil (LG Hamburg) hat allerdings klargestellt: Bei identischer Verpackung muss der Hersteller mindestens drei Monate auf die geänderte Füllmenge hinweisen.
Wo kann ich Mogelpackungen melden?
Bei der Verbraucherzentrale Hamburg (vzhh.de/mogelpackungsliste) und auf lebensmittelklarheit.de. Foodwatch sammelt Unterschriften für eine Kennzeichnungspflicht (foodwatch.org).
Werden die Preise wieder sinken?
Vereinzelt ja - PepsiCo senkte Anfang 2026 die Preise für Chips um bis zu 15 Prozent, weil die Verkäufe einbrachen. Valensina kehrte nach neun Monaten zur 1-Liter-Flasche zurück, als die Orangenpreise wieder fielen. Der Marktdruck funktioniert, wenn genug Verbraucher reagieren. Ohne gesetzliche Kennzeichnungspflicht bleibt das aber die Ausnahme.
Warum erfasst die offizielle Inflationsrate Shrinkflation nicht vollständig?
Destatis berücksichtigt im Verbraucherpreisindex zwar Grundpreise, aber Mengenreduktionen fließen nicht immer zeitnah in die Statistik ein. Das Ergebnis: Die offizielle Lebensmittelinflation lag 2025 bei rund 2 Prozent, während die Verbraucherzentrale Hamburg im selben Zeitraum eine durchschnittliche versteckte Preiserhöhung von 28,4 Prozent dokumentierte.
Quellen
- Verbraucherzentrale Hamburg - Mogelpackungsliste (über 1.000 dokumentierte Fälle)
- Verbraucherzentrale Hamburg - Skimpflation-Dokumentation
- Verbraucherzentrale Hamburg - Klage gegen Mondelez/Milka
- Verbraucherzentrale Hamburg - Sanella-Urteil (LG Hamburg)
- Lebensmittelklarheit.de - Mogelpackungen melden (vzbv)
- Foodwatch - Goldener Windbeutel 2025 (Milka)
- Destatis - Erzeugerpreise September 2023 (-14,7 %)
- IWF - Unternehmensgewinne und Inflation in der Eurozone (2023)
- Hans-Böckler-Stiftung / IMK - Gewinninflation in Deutschland
- vzbv - Positionspapier versteckte Preiserhöhungen (PDF, Dez. 2025)
- Parlament Österreich - Shrinkflation-Gesetz (25.02.2026)
- Uni Göttingen / vzbv - Studie zu versteckten Preiserhöhungen (PDF, 2024)








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