31 von 50 Speiseölen durchgefallen. Krebsverdächtiges MOAH in Erdnussöl, Hanföl, Sesamöl. Und das Olivenöl, das 2025 Testsieger war, fällt 2026 mit "mangelhaft" durch. Zwei große Untersuchungen - Öko-Test im Juli 2025 und Stiftung Warentest im Februar 2026 - zeichnen ein alarmierendes Bild: Mineralölrückstände sind in Speiseölen allgegenwärtig. Gleichzeitig existieren seit 14 Jahren keine verbindlichen EU-Grenzwerte. Eine Recherche über ein Regulierungsversagen, das jeden Haushalt betrifft.
Was MOSH und MOAH in Ihrem Öl zu suchen haben
Mineralölkohlenwasserstoffe gelangen auf verschiedenen Wegen in Lebensmittel - und Speiseöle gehören zu den am stärksten belasteten Produktgruppen. Die Substanzen werden in zwei Gruppen unterteilt: MOSH (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) und MOAH (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons).
MOSH sind gesättigte Kohlenwasserstoffe, die sich im menschlichen Körper anreichern. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stuft die aktuelle Aufnahmemenge zwar als unbedenklich ein - doch die Befunde in menschlichem Gewebe sind bemerkenswert: In einer Studie (Barp et al., 2014) wurden bei 37 Verstorbenen MOSH-Konzentrationen von bis zu 1.400 mg/kg in der Milz und 1.390 mg/kg in Bauchlymphknoten gemessen. Bei einem Viertel der untersuchten Personen lag die geschätzte Gesamtmenge an MOSH im Körper bei über fünf Gramm. In Lymphknoten und Fettgewebe zeigte sich ein Anstieg von 1,2 bis 1,4-fach pro Lebensjahrzehnt - ein Hinweis auf langfristige Akkumulation ohne relevanten Abbau.
Was bedeutet das für den Alltag? Wer täglich Speiseöl verwendet - und das tut praktisch jeder Haushalt - nimmt laut EFSA (2023) zwischen 9 und 50 Mikrogramm MOSH pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag auf. Kinder nehmen pro Kilogramm zwei- bis fünfmal so viel auf wie Erwachsene. Die tägliche Aufnahmemenge hat sich zwar seit 2012 etwa halbiert, doch die Substanzen verschwinden nicht aus dem Körper - sie lagern sich ein, Jahr für Jahr.
Deutlich kritischer sind MOAH - insbesondere Verbindungen mit drei oder mehr aromatischen Ringen. Diese gelten laut EFSA als genotoxisch und potenziell krebserregend. Sie können die DNA schädigen und unkontrolliertes Zellwachstum auslösen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellt unmissverständlich fest: MOAH mit drei oder mehr aromatischen Ringen sind "erbgutverändernd und krebserzeugend". Die EFSA kam 2023 zum Schluss, dass die aktuelle MOAH-Exposition ein "mögliches Gesundheitsrisiko" darstellt - im ungünstigsten Szenario für alle Altersgruppen, im günstigsten zumindest für Kleinkinder.
MOAH: Warum diese Substanz in Lebensmitteln nichts zu suchen hat
- Genotoxisch: MOAH mit 3+ aromatischen Ringen können die DNA schädigen
- Kein sicheres Niveau: Für genotoxische Substanzen gibt es keinen Schwellenwert - jede Menge stellt ein Risiko dar
- Kein Grenzwert: Weder die EU noch Deutschland haben verbindliche Höchstgehalte für MOAH in Lebensmitteln festgelegt
- Position des BfR: "MOAH sollte in Lebensmitteln nicht nachweisbar sein"
Die Testergebnisse: 60 Prozent durchgefallen
Im Juli 2025 veröffentlichte Öko-Test die bislang umfangreichste Untersuchung von Speiseölen auf Mineralölrückstände: 50 Nuss- und Kernöle aus fünf Kategorien - je zehn Kürbiskern-, Sesam-, Hanf-, Walnuss- und Erdnussöle. Von diesen 50 Ölen erhielten nur 10 die Note "sehr gut". 31 Produkte - also 62 Prozent - fielen mit "mangelhaft" oder "ungenügend" durch.
Am verheerendsten war die Bilanz bei Hanföl: 9 von 10 Produkten "mangelhaft", kein einziges empfehlenswert. Bei allen Hanfölen lagen die MOSH-Werte über 4 mg/kg - "stark erhöht" nach Öko-Test-Maßstab. Beim Erdnussöl zeigten sich die meisten MOAH-Befunde: Das Mazola Erdnussöl erhielt als einziges Produkt im gesamten Test die schlechteste Note "ungenügend" - der MOAH-Gehalt lag über dem von der EU-Kommission vorgeschlagenen Höchstgehalt von 2,0 mg/kg. Hersteller Peter Kölln reagierte nicht auf die Anfrage des Magazins.
Die beste Kategorie war Kürbiskernöl: 6 von 10 erreichten "sehr gut" - ausnahmslos Produkte aus der Steiermark mit kurzen, kontrollierten Lieferketten. Doch selbst hier gab es einen Ausreißer: Das Rewe Bio Kürbiskernöl wies die höchste MOSH-Belastung aller 50 getesteten Öle auf - sechsfach über dem Industrie-Orientierungswert. Rewe nahm die betroffene Charge sofort aus dem Verkauf.
Bemerkenswert war auch die Reaktion der Hersteller auf die Ergebnisse. Rapunzel argumentierte, der MOSH-Wert des eigenen Hanföls liege unter dem Industrie-Orientierungswert von 13 mg/kg - was technisch stimmt, aber am Kern des Problems vorbeigeht: Der Orientierungswert ist freiwillig, nicht rechtsverbindlich, und sagt nichts über die Unbedenklichkeit aus. Alnatura konnte die Messwerte nach eigener Aussage nicht bestätigen. Chiron behauptete, alle Schadstoffe lägen "deutlich unter" gesetzlichen Grenzwerten - die es für MOAH in Lebensmitteln gar nicht gibt.
| Ölsorte (je 10 getestet) | "Sehr gut" | "Mangelhaft" oder schlechter | Hauptproblem |
|---|---|---|---|
| Kürbiskernöl | 6 | 3 | MOSH (Einzelfall Rewe Bio extrem erhöht) |
| Walnussöl | 2 | 5 | MOSH erhöht |
| Sesamöl | 1 | 7 | MOSH und MOAH |
| Erdnussöl | 1 | 8 | Meiste MOAH-Befunde |
| Hanföl | 0 | 9 | MOSH stark erhöht, teils MOAH und PAK |
Nur wenige Monate später legte Stiftung Warentest nach: Im Februar 2026 testeten die Berliner Prüfer 25 Olivenöle der Güteklasse "nativ extra". Kein einziges Produkt erreichte "sehr gut". Nur 4 erhielten "gut", 8 fielen mit "mangelhaft" durch - das sind 32 Prozent.
Stiftung Warentest bewertete die 25 Olivenöle nach Sensorik (50 %), Schadstoffen (20 %), Deklaration (15 %), chemischer Qualität (10 %) und Verpackung (5 %). Erstmals testeten die Prüfer auch auf Chlorparaffine - fettlösliche, schwer abbaubare Substanzen, die in drei Ölen nachgewiesen wurden.
Besonders beunruhigend: Bei drei Olivenölen - Sterna 1821, Threpsi und Ybarra - war die MOAH-Belastung so hoch, dass EU-Überwachungsbehörden eine Marktentnahme empfehlen würden. Das Rossmann EnerBio Olivenöl enthielt den Weichmacher DBP "ein Vielfaches der zulässigen Menge" - eine Substanz, die als fortpflanzungsgefährdend eingestuft ist. Und der dramatischste Einzelfall: Die Aldi-Olivenöle Bellasan und Gut Bio, die 2025 noch Testsieger waren, fielen 2026 mit "stichig-schlammig" und "ranzig" komplett durch.

Bio, kaltgepresst, teuer - drei Mythen, die nicht schützen
Die Testergebnisse räumen mit drei weit verbreiteten Annahmen auf.
Mythos 1: Bio ist sicherer. Im Öko-Test waren 30 der 50 Produkte Bio-zertifiziert - und mehr als die Hälfte davon fiel durch. Alnatura Rapsöl nativ: "mangelhaft". Lidl Vita D'or Bio Leinöl: "mangelhaft". Rapunzel Hanföl: MOSH-Wert von 8,4 mg/kg. Bio-Siegel regeln den Anbau - keine synthetischen Pestizide, keine Gentechnik. Sie sagen nichts über die Verarbeitung, den Transport und die Verpackung aus. Und genau dort entsteht die Mineralölkontamination.
Mythos 2: Kaltgepresst bedeutet sauberer. Die Bezeichnung "kaltgepresst" ist nur zulässig, wenn die Temperatur bei der Verarbeitung höchstens 27 Grad Celsius betrug. Sie bezieht sich auf den Herstellungsprozess, nicht auf die Reinheit von Kontaminanten. Fast alle getesteten Nuss- und Kernöle waren kaltgepresst oder nativ - 31 von 50 fielen dennoch durch. Raffinierte Öle durchlaufen bei der Verarbeitung eine Desodorierung bei über 210 Grad Celsius, die flüchtige Mineralöl-Subfraktionen teilweise entfernt. Kaltgepresste Öle erhalten diese "Reinigung" nicht. Im Rapsöl-Test schnitten günstige raffinierte Discounter-Öle genauso "sehr gut" ab wie teure kaltgepresste Bio-Varianten.
Mythos 3: Teuer ist besser. Wer mehr zahlt, zahlt für Marketing - nicht für Sicherheit. Das Edeka Genussmomente Kürbiskernöl für 1,88 Euro pro 100 ml erhielt "sehr gut" - keinerlei Mineralölbestandteile nachweisbar. Das Byodo Walnussöl für 6,49 Euro pro 100 ml - das teuerste Öl im gesamten Test - fiel mit "mangelhaft" durch. Beim Olivenöl dasselbe Bild: Bertolli Originale für 13,52 Euro pro Liter erreichte "gut", das deutlich teurere Sterna 1821 für 15,98 Euro pro Liter fiel wegen MOAH-Belastung durch.
Was "Bio" bei Speiseöl wirklich garantiert
Die EU-Öko-Verordnung (EU) 2018/848 regelt den Anbau: keine chemisch-synthetischen Pestizide, keine Gentechnik, ökologische Erzeugung. Sie reguliert nicht die Mineralöl-Kontamination, die bei Ernte, Transport, Verarbeitung und Verpackung entsteht. Ein Bio-Öl kann genauso mit MOSH und MOAH belastet sein wie ein konventionelles Produkt - die Testergebnisse belegen das eindeutig.
Wie Mineralöl ins Speiseöl gelangt
Die Kontamination entsteht entlang der gesamten Produktionskette - und je nach Ölsorte dominieren unterschiedliche Eintragswege.
Erntemaschinen: Schmierstoffe an Kettensägen, Rüttelmaschinen und Förderbändern sind bei Olivenöl der wichtigste Kontaminationsvektor. Studien zeigen: Handgepflückte Oliven weisen praktisch kein MOAH auf - mechanisch geerntete deutlich mehr. Typische Mineralöl-Schmierstoffe bestehen zu etwa 80 Prozent aus MOSH und 20 Prozent aus MOAH. Schon Spurenmengen an einem Ventil genügen für nachweisbare Gehalte im Endprodukt.
Jutesäcke: Erdnüsse, Sesam und Kakaobohnen werden häufig in Jutesäcken aus tropischen Anbauländern transportiert. Diese Säcke werden bei der Verarbeitung mit 5 bis 7 Prozent "Batching Oil" - einem hochsiedenden Mineralöl - imprägniert. Das erklärt, warum Erdnussöl im Öko-Test die meisten MOAH-Befunde aufwies.
Recycling-Kartonverpackungen: Druckfarben in Altpapier enthalten Mineralöle, die beim Recycling nicht vollständig entfernt werden. Diese migrieren auf Lebensmittel - durch direkten Kontakt oder über die Gasphase. MOSH-Migrationswerte können mehrere mg/kg erreichen, in Einzelfällen über 100 mg/kg. Besonders betroffen sind trockene Produkte mit großer Oberfläche, aber auch Öle in Karton-Umverpackungen.
Verarbeitungsmaschinen: Das Max Rubner-Institut (MRI) identifizierte zwei Wege mit besonders hohem Minimierungspotenzial: Schmierstoffe aus Ölpressen und sogenannte "Weißöle" aus der Abluftreinigung in Extraktionsbetrieben. Das MRI arbeitet gemeinsam mit der RWTH Aachen an biobasierten, mineralölfreien Schmierstoffalternativen - die technischen Lösungen existieren, sie werden nur nicht flächendeckend eingesetzt.
Lösemittelextraktion: Bei Oliventresteröl - das aus den Rückständen der Olivenpressung gewonnen wird - konzentriert die Hexan-Extraktion MOSH um den Faktor 2 bis 6 und MOAH um den Faktor 4 bis 30 gegenüber physikalischer Extraktion. Die EFSA ermittelte für Oliventresteröl einen mittleren MOSH-Gehalt von 108,7 mg/kg - den höchsten aller Pflanzenöle.
| Ölsorte | Dominanter Eintragspfad | Typische Belastung |
|---|---|---|
| Kürbiskernöl (Steiermark) | Kurze regionale Lieferketten, g.g.A.-Kontrollen | Sehr gering |
| Rapsöl (raffiniert) | Maschinenöl, aber Raffinierung entfernt teilweise | Gering |
| Olivenöl (nativ) | Erntemaschinen-Schmierstoffe | Mittel bis hoch |
| Sesamöl / Erdnussöl | Jutesäcke + Maschinenöl | Hoch |
| Hanföl | Kleine Produktionsstrukturen, wenig Qualitätskontrolle | Sehr hoch |

14 Jahre Regulierungsversagen
Die Geschichte der Mineralölregulierung in Europa ist eine Geschichte des Scheiterns. 2012 veröffentlichte die EFSA ihre erste wissenschaftliche Stellungnahme zu Mineralölkohlenwasserstoffen in Lebensmitteln und warnte vor Gesundheitsrisiken. Seitdem sind 14 Jahre vergangen. Verbindliche EU-Grenzwerte gibt es bis heute nicht.
Die geplanten Grenzwerte, wenn sie denn kommen, sind zudem umstritten. Für Speiseöle sieht der Entwurf 2,0 mg/kg MOAH vor - ein Wert, den Foodwatch als viel zu hoch kritisiert. "Der einzig akzeptable Rückstandswert für Mineralöl in unseren Lebensmitteln lautet: null", sagt Natacha Cingotti von Foodwatch International. Für Gewürze sind sogar 5,0 mg/kg vorgesehen, für Nahrungsergänzungsmittel 10,0 mg/kg. Für Oliventresteröl gelten extreme Übergangsfristen: 10,0 mg/kg ab 2026, erst 2030 die regulären 2,0 mg/kg. Und für MOSH? Sind gar keine verbindlichen Grenzwerte geplant - nur Monitoring-Richtwerte.
Die Chronologie liest sich wie ein Lehrstück in politischer Handlungsunfähigkeit: 2012 die EFSA-Warnung. 2015 der erste große Foodwatch-Test mit 120 Produkten - 43 Prozent mit MOAH belastet. 2017 eine EU-Monitoring-Empfehlung, die kein einziges Unternehmen befolgte. 2019 die Babymilch-Krise: Foodwatch wies MOAH in Säuglingsmilch von Nestlé und Novalac nach - bis zu 3,0 mg/kg in Nestlé Beba Optipro Pre. 2021 der bislang größte Test: 152 Produkte aus fünf Ländern, darunter Knorr-Brühwürfel mit 82 mg/kg MOAH. 2022 eine nicht bindende Empfehlung des SCoPAFF-Ausschusses. Ende 2023 ein erster Verordnungsentwurf. Und März 2026? Die Verordnung ist immer noch nicht verabschiedet.
Warum dauert das so lange? Interne EU-Dokumente, die Foodwatch über eine Anfrage zur Informationsfreiheit erhielt, zeigen: Italien und Spanien setzten sich massiv für Ausnahmen, hohe Höchstgehalte und verlängerte Übergangsfristen ein - maßgeblich beeinflusst durch die Olivenöl-Industrie. Italienische Behörden leiteten komplette Industrie-Positionspapiere direkt an die EU-Kommission weiter. 19 von 27 Mitgliedstaaten reichten seit Anfang 2024 keinerlei schriftliche Stellungnahmen ein - ihre Positionen sind unbekannt. Frankreich verweigerte die Offenlegung von Dokumenten vollständig.
Auch Deutschland trägt Mitverantwortung. Eine nationale Mineralölverordnung lag seit 2017 als Entwurf vor, wurde bei der WTO notifiziert - und dann nie verabschiedet. Die Lebensmittelindustrie lobbyierte erfolgreich dagegen, mit dem Argument, man solle die EU-weite Lösung abwarten. Eine Lösung, die bis heute nicht existiert. Der Entwurf hatte zudem drei Schwächen: Eine Barriere galt schon als "funktionell", wenn die MOAH-Migration unter 0,5 mg/kg lag - nach Ansicht von Foodwatch viel zu hoch. Frischfaserkartons waren ausgenommen, obwohl auch sie migrieren. Und nur Recyclingverpackungen waren erfasst, nicht andere Kontaminationsquellen wie Maschinenöle oder Jutesäcke.
Statt verbindlicher Gesetze existieren in Deutschland seit 2019 freiwillige "Orientierungswerte", gemeinsam entwickelt vom Lebensmittelverband Deutschland und der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz. Diese legen fest, welcher Mineralölgehalt bei "guter Herstellungspraxis" statistisch zu erwarten ist - für Pflanzenöle liegt der Richtwert bei 13 mg/kg MOSH. Doch diese Werte sind ausdrücklich keine Grenzwerte. Ein Überschreiten hat keine automatischen rechtlichen Konsequenzen. Der Lebensmittelverband warnt sogar selbst davor, die Werte als "Quasi-Grenzwerte" zu missbrauchen. Foodwatch lehnt die Orientierungswerte als unzureichend ab - und die Testergebnisse geben ihnen recht: Bei einer Durchfallquote von 60 Prozent bei Speiseölen kann von funktionierender Selbstregulierung keine Rede sein.
Die Verbraucherorganisation Foodwatch kämpft seit 2012 gegen diesen Zustand. 239.000 Menschen haben ihre Petition "Mineralöl raus aus unseren Lebensmitteln" unterschrieben. Im Januar 2025 überreichte Foodwatch über 200.000 Unterschriften an die EU-Kommission in Brüssel. Rauna Bindewald von Foodwatch: "Die Wissenschaft ist eindeutig: Potenziell krebserregende Mineralöle haben in unseren Lebensmitteln nichts zu suchen."
Die Regulierungslücke auf einen Blick
- Seit 2012: EFSA warnt vor Gesundheitsrisiken durch Mineralöl in Lebensmitteln
- Seit 2017: Deutsche Mineralölverordnung als Entwurf - nie verabschiedet
- Seit 2023: EU-Verordnungsentwurf in Verhandlung - noch nicht beschlossen
- Stand März 2026: Keine verbindlichen Grenzwerte für MOSH oder MOAH in Lebensmitteln
- Frühestens 2027: Geplantes Inkrafttreten der EU-Höchstgehalte für MOAH
Was andere Länder besser machen
Während die EU seit über einem Jahrzehnt verhandelt, haben einzelne Länder längst gehandelt.
Die Schweiz verbietet in ihrer Bedarfsgegenständeverordnung die Verwendung von Recyclingpapier im direkten Lebensmittelkontakt - es sei denn, es handelt sich um Produktionsabfälle aus unbedruckten Frischfasern. Das ist der strengste Ansatz weltweit. Frankreich ging als einziges EU-Land einen rechtsverbindlichen Weg: Das Anti-Verschwendungsgesetz (Loi AGEC) verbietet seit 2023 MOAH in Druckfarben für Verpackungen bei einer Massenkonzentration über 1 Prozent. Seit Januar 2025 gilt ein verschärfter Grenzwert von 0,1 Prozent. Belgien hat nationale Aktionswerte für MOSH veröffentlicht und mehrere Produkte vom Markt genommen.
Die USA hingegen haben kein spezifisches Regelwerk für MOSH oder MOAH in Lebensmitteln. Die FDA erlaubt sogar den Einsatz von hochraffiniertem Weißöl als Lebensmittelzusatzstoff (21 CFR 172.878). Ein systematischer Ansatz zur Überwachung existiert nicht. Der transatlantische Vergleich zeigt: Europa ist bei der Risikobewertung deutlich weiter, scheitert aber an der regulatorischen Umsetzung. Tschechien hat als weiteres Land eigene Aktionswerte eingeführt und überprüft diese regelmäßig im Rahmen nationaler Monitoringprogramme. Auch Österreich orientiert sich an den Schweizer Vorgaben und testet seit 2020 systematisch Lebensmittel auf Mineralölrückstände - mit konkreten behördlichen Marktentnahmen bei Überschreitungen.
Dass MOAH-freie Produktion möglich ist, hat Foodwatch 2021 selbst belegt: Bei ihrem internationalen Test von 152 Produkten in fünf Ländern waren 87,5 Prozent MOAH-frei. Die Kontamination ist also kein Naturgesetz - sie ist das Ergebnis unzureichender Sorgfalt in der Lieferkette und fehlender gesetzlicher Konsequenzen für Hersteller, die nicht minimieren.
| Land | Maßnahme | Status |
|---|---|---|
| Schweiz | Verbot von Recyclingpapier im Lebensmittelkontakt | In Kraft |
| Frankreich | Verbot von Mineralölen in Druckfarben/Verpackungen | In Kraft seit 2023, verschärft 2025 |
| Belgien | Nationale MOSH-Aktionswerte, aktive Marktentnahmen | Aktive Durchsetzung |
| Deutschland | Nationale Verordnung vorgelegt, nie verabschiedet | Gescheitert |
| EU | MOAH-Höchstgehalte geplant | Frühestens 2027 |
| USA | Kein spezifisches Regelwerk | Keine Regulierung |

Welche Öle sicher sind - und welche nicht
Trotz der ernüchternden Gesamtbilanz gibt es Öle, die in den aktuellen Tests überzeugen - und sie sind oft günstiger als die durchgefallenen Produkte.
| Produkt | Note | Preis | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Edeka Genussmomente Steirisches Kürbiskernöl | Sehr gut | 1,88 EUR/100 ml | Kein Mineralöl nachweisbar |
| Rewe Bio Sesamöl nativ (Naturland) | Sehr gut | 1,20 EUR/100 ml | Einziges empfehlenswertes Sesamöl |
| Ölmühle Solling Erdnussöl nativ | Sehr gut | 3,16 EUR/100 ml | Kein Mineralöl nachweisbar |
| Bertolli Originale Olivenöl (nativ extra) | Gut (2,5) | 13,52 EUR/l | Preistipp Stiftung Warentest 2026 |
| Alnatura Bio-Olivenöl (nativ extra) | Gut (2,3) | 13,98 EUR/l | Stiftung Warentest 2026 |
Auffällig ist: Steirisches Kürbiskernöl mit der geschützten geografischen Angabe (g.g.A.) schneidet besonders gut ab - kurze Transportwege, etablierte Qualitätskontrollen und regionale Lieferketten machen den Unterschied. Auch beim Rapsöl zeigen sich Discounter-Eigenmarken von ihrer besten Seite: Bellasan (Aldi) und Vita D'Or (Lidl) erhielten bei Öko-Test jeweils "sehr gut" - für 1,39 Euro pro Liter.
Wer auf Leinöl setzt, hat ebenfalls sichere Optionen: Im Öko-Test Bio-Leinöl (November 2025) erhielten 9 von 20 Produkten "sehr gut" - darunter Dennree Leinöl kaltgepresst für 1,59 Euro pro 250 ml und dm Bio Leinöl für 1,65 Euro. Das teuerste Öl im Test - Vitaquell Omega-3 Leinöl für 9,69 Euro pro 250 ml - fiel dagegen mit drei Pestiziden (darunter DDT) und "mangelhaft" durch. Ein Muster, das sich durch alle Ölsorten zieht: Der Preis ist kein Qualitätsindikator.
Einkaufstipps: Mineralöl im Speiseöl minimieren
- Testergebnisse nutzen: Orientieren Sie sich an den aktuellen Ergebnissen von Öko-Test und Stiftung Warentest - nicht am Preis oder an der Marke
- Kürbiskernöl aus der Steiermark bevorzugen: Beste Testergebnisse aller Ölsorten, kurze Lieferketten
- Olivenöl: Herkunft prüfen: "Mischung aus EU- und Nicht-EU-Ölen" ist ein Warnsignal - konkrete Herkunftsangaben sind besser
- Hanföl meiden: Kein einziges empfehlenswertes Produkt im aktuellen Test
- Öl aus Kartonverpackung nehmen: Recycling-Karton ist eine Hauptquelle für Mineralölübergang
- Dunkel und kühl lagern: 10-20 Grad Celsius, lichtgeschützt, gut verschlossen
Ihre Rechte als Verbraucher
Beschwerde einreichen: Wenn Sie ein belastetes Produkt gekauft haben, können Sie sich an das örtliche Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt wenden. Beschwerden sind auch anonym möglich. Die Behörde entnimmt dann eine Vergleichsprobe.
Kaufpreis zurückfordern: Ein nachweislich kontaminiertes Lebensmittel kann als Sachmangel gelten. Sie haben Anspruch auf Rücktritt vom Kaufvertrag und Erstattung des Kaufpreises gegenüber dem Händler (SS 437 ff. BGB).
Produkthaftung: Das Produkthaftungsgesetz sieht eine verschuldensunabhängige Haftung des Herstellers vor. In der Praxis scheitern Ansprüche jedoch daran, dass individuelle Gesundheitsschäden durch MOAH kaum kausal nachweisbar sind - Krebserkrankungen haben lange Latenzzeiten und multiple Ursachen. Erschwerend kommt hinzu: Ohne verbindliche Grenzwerte ist es schwierig, einen "Produktfehler" rechtlich zu definieren. Es gibt bislang keine bekannten deutschen Gerichtsurteile, in denen Verbraucher wegen Mineralölkontamination in Speiseöl auf Schadensersatz geklagt haben.
Irreführende Werbung melden: Wenn ein Öl als "rein" oder "naturrein" beworben wird und gleichzeitig MOAH enthält, kann das eine irreführende geschäftliche Handlung nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) darstellen. Verbraucher können solche Fälle der Verbraucherzentrale oder der Wettbewerbszentrale melden.
Politischer Druck: Unterstützen Sie Organisationen wie Foodwatch oder die Verbraucherzentralen, die sich für verbindliche Grenzwerte einsetzen. Die Forderungen liegen auf dem Tisch: Nulltoleranz für MOAH, verbindliche MOSH-Grenzwerte und eine Pflicht zu funktionellen Barrieren in Recycling-Verpackungen.
Häufige Fragen
Ist Mineralöl in jedem Speiseöl?
Nahezu. Im Öko-Test 07/2025 waren nur drei von 50 Ölen vollständig frei von nachweisbaren Mineralölbestandteilen. Die Konzentration variiert jedoch erheblich - von nicht nachweisbar bis zu Werten, die den vorgeschlagenen EU-Höchstgehalt überschreiten.
Sind die nachgewiesenen Mengen gefährlich?
Für MOSH stuft die EFSA die aktuelle Aufnahmemenge als unbedenklich ein. Für MOAH mit drei oder mehr aromatischen Ringen gilt: Es gibt keinen sicheren Schwellenwert. Jede nachweisbare Menge stellt ein potenzielles Risiko dar. Die EFSA spricht von einem "möglichen Gesundheitsrisiko" - besonders für Kinder.
Warum schützt Bio nicht vor Mineralöl?
Bio-Zertifizierungen regeln den Anbau - keine synthetischen Pestizide, keine Gentechnik. Mineralöl gelangt jedoch bei der Ernte (Maschinenöl), dem Transport (Jutesäcke), der Verarbeitung (Ölpressen) und der Verpackung (Recycling-Karton) ins Produkt. Diese Schritte sind vom Bio-Siegel nicht erfasst.
Soll ich auf Olivenöl verzichten?
Nein, aber informiert kaufen. Vier Olivenöle erhielten bei Stiftung Warentest 2026 die Note "gut" - darunter Bertolli Originale für 13,52 Euro pro Liter. Entscheidend ist, dass Sie sich nicht auf den Preis oder die Marke verlassen, sondern die aktuellen Testergebnisse prüfen.
Wann kommen verbindliche EU-Grenzwerte?
Die EU-Kommission plant MOAH-Höchstgehalte ab 2027: 2,0 mg/kg für Produkte mit über 50 Prozent Fettgehalt (also Speiseöle). Für MOSH sind keine verbindlichen Grenzwerte geplant, lediglich Monitoring-Richtwerte. Ob die Verordnung tatsächlich 2027 in Kraft tritt, ist angesichts der bisherigen Verzögerungen nicht garantiert.
Wie kann ich die Belastung im Alltag reduzieren?
Orientieren Sie sich an den Testsiegern, bevorzugen Sie Öle aus regionalen Lieferketten (steirisches Kürbiskernöl, deutsches Rapsöl), lagern Sie Öle kühl und dunkel, und nehmen Sie Produkte sofort aus Kartonverpackungen. Glasflaschen und dunkles Glas bieten zusätzlichen Schutz.
Was ist der Unterschied zwischen MOSH und MOAH?
MOSH (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) sind gesättigte Kohlenwasserstoffe, die sich in Organen anreichern. Die EFSA stuft die aktuelle Aufnahmemenge als unbedenklich ein. MOAH (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) enthalten aromatische Ringstrukturen. Verbindungen mit drei oder mehr Ringen gelten als genotoxisch und potenziell krebserregend. Für MOAH gibt es keinen sicheren Schwellenwert.
Ist raffiniertes Öl sicherer als kaltgepresstes?
Nicht pauschal, aber raffinierte Öle durchlaufen eine Desodorierung bei über 210 Grad Celsius, die flüchtige Mineralöl-Subfraktionen bis zur Kettenlänge C24 entfernt. Kaltgepresste Öle erhalten diese Reinigung nicht. In der Praxis zeigen die Testergebnisse jedoch keinen eindeutigen Vorteil für raffinierte Öle - die Kontaminationsquellen sind zu vielfältig.
Warum sind Kürbiskernöle aus der Steiermark so sauber?
Steirisches Kürbiskernöl mit der geschützten geografischen Angabe (g.g.A.) profitiert von drei Faktoren: kurze regionale Lieferketten mit wenigen Kontaminationsmöglichkeiten, etablierte Qualitätskontrollen seit der g.g.A.-Zertifizierung 1996 und eine traditionelle Herstellungsweise mit weniger maschinellen Einträgen als bei industriell verarbeiteten Ölen.
Fazit der Redaktion
Die Recherche von Verbraucher.Online zeigt: Mineralölrückstände in Speiseölen sind kein Einzelfall, sondern ein systemisches Problem. 60 Prozent der Öle fallen im Test durch. Bio schützt nicht. Der Preis sagt nichts. Und die Regulierung hinkt 14 Jahre hinter der Wissenschaft her.
Das eigentliche Versagen ist politisch. Die EFSA warnt seit 2012 vor MOAH. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sagt, MOAH sollte in Lebensmitteln nicht nachweisbar sein. Die Schweiz hat gehandelt. Frankreich hat gehandelt. Die EU verhandelt - seit 14 Jahren. Und die deutsche Mineralölverordnung, 2017 als Entwurf vorgelegt, wurde still beerdigt.
Für Sie als Verbraucher bedeutet das konkret:
- Nutzen Sie die Testergebnisse. Die Daten liegen vor - günstige Discounter-Öle schneiden oft besser ab als teure Premium-Produkte.
- Meiden Sie Hanföl. Kein einziges Produkt war empfehlenswert.
- Setzen Sie auf kurze Lieferketten. Steirisches Kürbiskernöl und deutsches Rapsöl zeigen: Regionale Produktion und etablierte Qualitätskontrollen machen den Unterschied.
- Verlassen Sie sich nicht auf Labels. "Bio", "kaltgepresst", "nativ extra" - keines dieser Labels garantiert Mineralölfreiheit.
Die Parallelen zum Mineralwasser-Skandal sind frappierend: Auch dort versagte die Regulierung, auch dort hielt die Branche mit freiwilligen Orientierungswerten dagegen, auch dort brauchte es Verbraucherschützer, um das Problem auf die Agenda zu bringen. Der Unterschied: Bei Mineralöl in Speiseöl kennt die Wissenschaft die Lösung - mineralölfreie Schmierstoffe, funktionelle Barrieren, saubere Lieferketten. Es fehlt einzig der politische Wille.
Was sich ändern muss: Verbindliche MOAH-Grenzwerte mit Nulltoleranz, nicht die geplanten 2,0 mg/kg. Verpflichtende Veröffentlichung von Analyseergebnissen. Und ein Ende der 14-jährigen Hängepartie. Die Kontamination ist vermeidbar - Foodwatch hat 2021 gezeigt, dass 87,5 Prozent der getesteten Produkte MOAH-frei waren. Es ist eine Frage des politischen Willens, nicht der technischen Machbarkeit.








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